Notizen von Günther Jacob zur Veranstaltung mit Claude Lanzmann im Uebel und Gefährlich

Im nachfolgenden dokumentieren wir einen Text von Günther Jacob zu der Filmvorführung und Podiumsdiskussion mit Claude Lanzmann, die gestern in Hamburg stattfand.

Spontane Notizen zur Veranstaltung mit Claude Lanzmann, Max Dax, Gremliza und Theweleit im ehemaligen Hamburger NS-Luftschutzbunker („Uebel & Gefährlich“) am 18.01.2010 (19 bis 24 Uhr)

Ich habe es vorgezogen, die Live-Übertragung der Podiumsdiskussion ab 22:30 auf FSK zu hören. Erster Eindruck: sehr unangenehm. Es fehlte von Beginn an jede Empathie. Lanzmann, 84, kommt extra nach Hamburg, wo man seinen Film verhinderte. Und in einer Zeit, da er von deutschen Medien als Fälscher von historischen Tatsachen dargestellt wird. Schon die Begrüßung hätte (wenigstens durch eine Rede Gremlizas) mit einem offensiven Bekenntnis zu Israel und zu Lanzmann beginnen müssen. Es wurde aber die übliche fade Podiumsdiskussionssachlichkeit.

Es hätte zu Beginn eine Zusammenfassung zur Lage geben müssen, zum Anlass des Abends, dazu, dass dies kein Abend von und für Cineasten ist, sondern eine politische Solidaritätsveranstaltung, ein Aufruf zur Mobilisierung gegen den heutigen Antisemitismus und auch gegen die aktuellen Verleumdungen ist. Nicht davon gab es. Niemand wollte es.

Lanzmann hat sich über den riesigen Bunker als Veranstaltungsort (der Hamburger Poplinken) verhalten gewundert. Niemand sagte etwas dazu. Die Mitdiskutanten waren hörbar befangen, sprachen verlangsamt mit Kloß im Hals. Jetzt nur nichts falsch machen! Alle wirkten, als seien sie völlig unvorbereitet zu diesem Abend gegangen. Theweleit hatte, wie er sagte, einen trockenen Mund beim Sprechen. Er schob das auf das Saunaklima der sticken Bunkerhalle. Gremliza, der ganz unbefangen ist, wenn er z.B. FAZ-Dath interviewt, sagte, er möge solche Veranstaltungen nicht, er könne halt besser schreiben als sprechen und habe mit seiner Anwesenheit schon ein ausreichendes Statement abgegeben. Eine unglaubliche Unhöflichkeit gegenüber Lanzmann, der wohl nicht wusste, dass diese Einladung nicht von denen kam, die gegen die B5 demonstriert hatten. Es war sofort klar, dass man auf dem Podium diesen Film nicht verstehen und nicht billigen wollte.

Gegen Lanzmanns Aura wurde angestottert. Gegen seine zionistische Position, die er durch Schilderung seiner Gespräche mit Sartre erläuterte – die Juden sind NICHT das Produkt der Antisemiten, sie sind ein VOLK – wollte man nichts gesagt haben, aber man spürte es noch über den Äther, dass alle am liebsten laut dazwischen gerufen hätten: das „jüdische Volk“ ist doch eine Konstruktion! Ist es ja auch, aber – anders als bei den „Wir sind ein Volk“-Deutschen – eine Konstruktion, die einen Grund hat, über den man auf dem Podium nicht sprechen wollte und für den die Anwesenden offensichtlich keine Worte und keine Empathie hatten.

Die ganze Veranstaltung war ein politisches Desaster, und sie war eine unverschämte Zumutung gegenüber Lanzmann, der dann auch nach einer Stunde vorschlug, sie abzubrechen. Er hatte genug. Er hat sofort erkannt, was hier vorging. Zum endgültigen Kippen brachte sie ausgerechnet Hermann Gremliza mit der unglaublichen dummen und reaktionären Frage an Lanzmann, warum in dem Film keine Palästinenser vorkommen. Das war ein politischer Affront gegen Lanzmann und nicht zuletzt auch eine Frechheit gegenüber dem Gast aus Paris. Warum hatte man ihn denn eingeladen, wenn man ihm solche Fragen stellen wollte? Lanzmann konnte zeigen, dass die Palästinenser in dem Film ständig anwesend sind, dass darin ständig darüber gesprochen wird. Und dass es in einer Welt, wo alle über die Palästinenser reden, nicht sein Aufgabe sein kann, beide Seiten „ausgewogen“ darzustellen.

Gremlizas einzige Frage war an sein Lesepublikum adressiert. Es war ihm ganz offensichtlich sehr wichtig, ausgerechnet diese Frage an diesem Abend los zu werden. Gremliza sagt dann noch, dass es mehr Antisemiten in der BRD gibt als die B5-Leute, die er als dumme Jungs darstellte und nicht als Ausdruck einer breiten Übereinstimmung in einem nicht kleinen Milieu.

Theweleit, der bereits 2001 über den Symbolwert der Twin Towers als „Doppelphallus“ schwadronierte, wurde seiner Rolle gerecht und machte aus der Veranstaltung eine über Filmästhetik, Interviewtechniken und die Rolle des Zeitlosen im Film. Spexler Max Dax hatte ihm diesen Ball zugespielt und verplappert sich dann selbst mit der Behauptung, es gäbe den Filmtitel auch mit Fragezeichen. Theweleit kam schnell zum Vergleich der Lager Sabra und Schatila im Libanon mit dem Warschauer Ghetto. Er verglich nicht selbst, sondern lobte, dass im heutigen Israel selbst solche schwierigen Themen diskutiert werden könnten. Von dort schaffte er den Übergang zum Afghanistankrieg und zum linken Antimilitarismus. Die B5 Leute waren auch für ihn eine kleine Minderheit, die mit der Linken nichts zu tun habe.

Lanzmann, der zwar nicht alle Zwischentöne und Codes verstehen konnte, merkte aber, auf was der Abend hinauslief und sagte, er sei von dem ganzen Thema „Israel und die Palästinenser“ genervt. Der Anlass des Abends wurde am Schluss noch einmal kurz erwähnt, aber hörbar als Pflichtübung und ohne Bezug zur heutigen Situation von Israel und den neuen Angriffen auf Lanzmann. Popfritze Max Dax bedankte sich am Schluss fürs Kommen – nicht bei Lanzmann, sondern beim Publikum!

Das ungehobelte Benehmen gegenüber dem Gast war sicher nicht die Folge einer schlechten Erziehung, sondern der Anspannung, die entstanden war, weil man seine wirkliche Meinung nicht frei sagen konnte. Man war froh, dass es vorbei war mit DIESER Zensur.


5 Antworten auf “Notizen von Günther Jacob zur Veranstaltung mit Claude Lanzmann im Uebel und Gefährlich”


  1. 1 e. wollauchi 20. Januar 2010 um 11:09 Uhr

    Gremliza und Theleweit, was soll da schon herauskommen. Gremliza ist ein weichgespoülter Antiimperialist für die verbliebenen Dogmatiker unter seinen Lesern, für diepro-israel. Szene gibt er sich pro-israelisch und ist sich nicht zu schda,in seinem Blättchen für Verlage und Autoren zu werben, die man eher bei der Jungen Welt vermutet.

  2. 2 eberhard. wollauchi 20. Januar 2010 um 11:13 Uhr

    Was soll auf einer Diskussion mit Gremliza und Theleweit schon herauskommen, außer einem Affront dem Gast gegenüber. Was hatte Gremliza da überhaupt zu suchen? Für pro-israelische Menschen gibt er sich solange es nichts kostet israelsolidarisch, geht es um Einkünfte, wird schamlos für Verlage u. Autoren geworben, die eher bei der Jungen Welt zu verorten sind, unbd seine Kommentare decken den weichgespülten Antiimperialismus ab. Gremliza ist ein Geschäftsmannmit der jeweils passenden Meinung.

  3. 3 peter Nowak 20. Januar 2010 um 15:49 Uhr

    Die hier kritisierte Frage Gremlizas nach dem im Film fehlenden Palästinensern hatte nach meinen Eindruck eine andere Zielsetzung als hier unterstellt.
    Sie Gremliza zielte doch auch und vor allem auf die palästinensischen Organisationen, die Israel bedrohen. Dass wurde bei der Frage sehr deutlich. Er hatte als Beispiel zunächst Hamas (und dann korrigerend zeitgeössische organisationen genannt).
    In der Diskussion und der jetzigen Debatte wird das aber ausgeblendet.

  4. 4 tête rouge 21. Januar 2010 um 12:15 Uhr

    ich war mehr als erstaunt, als ich die fragen/kommentaren von die 3 leute an lanzmann gehört habe. natürlich die „warum in dem Film keine Palästinenser vorkommen“. aber warum es keine ? nach „warum israel“ gibt, war der clou und bedeutet, dass diesen pseudo-intellectual deutschen (mention spéciale pour pop-dax-spex) einfach komplexe problemen haben, und nicht denken wollen. in dieser bunker, wo man sowieso nichts anders machen kann als saufen, spürte ich das schon ein bisschen… aber zu diesem punkt… lanzmann war stark und klar (und nie süffisant, eher zu höfflich) aber er hätte nicht kommen sollen. die deutschen sind zu dumm-oberflächlich, oder wollen nicht verstehen.
    p.s : in die presse generell, ist dieser artikel das einziges was ok ist.

  5. 5 Detlev Fischer 23. Januar 2010 um 20:44 Uhr

    Mein Eindruck von der Veranstaltung (ich saß in der 2. Reihe) entspricht ganz und gar nicht dem Eindruck, den der Radiohörer Günter Jacob hatte.

    Dass nicht zuerst die deutschen Gäste dran waren und Begrüßungen und politische Erklärungen zu dem Vorfall der verhinderten Vorführung abgaben, fand ich angemessen. Statdessen hatte Claude Lanzmann, angesprochen auf die Frage der Aktualität des Films, viel Zeit, sich zu dem Film zu äußern. Ich empfand das Publikum als ruhig, interessiert und durchaus emphatisch.

    Ein offensives Bekenntnis zu Israel am Beginn wäre eher peinlich gewesen. Die grundsätzliche Solidarität mit Israel war bei allen auf dem Podium und (soweit man das für ein Publikum sagen kann, auch hier) spürbar. Dann zu Beginn zu erklären, dass „dies kein Abend von und für Cineasten ist, sondern eine politische Solidaritätsveranstaltung“, hätte Lanzmann am allerwenigsten gefallen.

    Respekt gegenüber dem alten, extra angereisten Lanzmann bedeutete gerade, sich ihm und dem, was er zur Sprache bringen wollte, zu überlassen. Man kann sich gut vorstellen, dass er häufig zu seiner Einstellug zum Nahostkonflikt gefragt wird und eher seltener zu den spezifischen Mitteln, die diesen Film (und ebenfalls Shoah) auszeichnen.

    Auf seine filmische Kunst war Lanzmann spürbar und mit Recht stolz. Darüber, über sein filmisches Verhältnis zur Zeit, „die nicht aufhört, angehalten zu sein und dennoch vergeht“ (die Übersetzerin hatte etwas Schwierigkeiten mit diesem bewusst paradoxen Gedanken; sie übersetzte franz. daté versus viellé mit „datiert“ versus „gealtert“) sprach er ausführlich. Dass Theweleit die Filmästhetik aufgriff, geschah also durchaus in direktem Anschluss an Lanzmanns eigene Worte. Die spezifische Rolle, die Lanzmanns Art der Fragen, sein persönliches Zugegensein und Insistieren und der souveräne Einschluss der Aufnahmesituation für die entstehende Situation und damit für das spielt, was sich im Material niederschlägt, hat Theweleit gut beschrieben.

    ich weiß nicht, worauf sich Äußerungen wie „Gegen Lanzmanns Aura wurde angestottert“ beziehen. Wenn der hastige Duktus von Theweleit tatsächlich nicht nur mit der trockenen Luft, sondern auch etwas mit dem Gewicht des Themas und der immer mitgedachten ungeheuren deutschen Schuld zu tun hat, warum sollte man es nicht sehen und hören?

    Schwer zu sagen, wie’s gelaufen wäre, wenn die Diskussion mehr ein wirkliches Gespräch gewesen wäre, mit Rede und Antwort. So brachte jeder seinen (eher langen) Beitrag – Lanzmann hatte in dieser Art begonnen, somit war die Form angelegt. Dass Gremliza die Frage stellte, warum die Palästinenser nur am Rande vorkämen, fand ich in Ordnung, die Antwort ebenso. Die Frage wirkte auf mich auch nicht als Vorwurf. Kaum jemand, der sie stellte, könnte eines Angriffs auf die Position Lanzmanns unverdächtiger sein. Theweleit griff das ‚für-sich-oder-für -andere-Sprechen‘ auf und bemerkte, dass die Palestinenser in einem anderen Lanzmann-Film (‚Tsahal‘) stärker zu Wort kommen. Aber auch dies wirkte auf mich nicht wie ein indirekter Vorwurf an ‚Pourquoi Israel‘.

    Max Dax, der die Sache mit dem Fragezeichen nach dem Filmtitel lancierte, hatte diesen Missbrauch der Interpunktion wahrscheinlich irgendeiner Presseveröffentlichung entnommen (ich habe auch irgendwo sowas gelesen) und dies an Lanzmann weitergereicht, sicher nicht mit der Intention, selbst das Thema des Films (die Begründung Israels) in Frage zu stellen. Lanzmann verstand das nicht, weil er sich an das Fragezeichen hinter seinem Filmtitel entweder nicht mehr erinnerte oder das Ganze eine reine Medienfabrikation ist, die Dax ungeprüft übernommen hat. Mir schien es, als täte diese Irritation, dieses Missverständnis, allen im Raum leid – für Max Dax war es natürlich sehr unglücklich. Es wäre sicher schlauer gewesen, Fragen aus der eigenen Wahrnehmung des Films heraus zu finden statt einen kolportierten Aufhänger für eine vielleicht gewollte politische Wendung der Diskussion zu lancieren. Aber so ist es eben gelaufen. Max Dax ist ja noch jung und war auch in der Gesprächsführung etwas unsicher, was ich nachvollziehen kann. Das hat aber alles nichts gemacht.

    Was wirklich fehlte, war am Ende ein deutlicheres Dankeschön an Claude Lanzmann: man hätte ihm die Gelegenheit zu einem Schlusswort geben sollen.

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