Viel Ärger um einen Film gab es in den vergangenen Wochen in Hamburg. Dabei ging es leider nicht um Debatten cineastische Differenzen. Vielmehr ging es um die gewaltsame Verhinderung des Films „Warum Israel.“ von Claude Lanzmann. Der inzwischen 83jährige Filmemacher kämfte als Partisan im zweiten Weltkrieg gegen die nationalsozialistischen Deutschen und ihre Verbündeten, war einer der Wegbegleiter Sartres und engagierte sich gegen den Kollonialismus ebenso wie gegen das Vergessen der nationalsozialistischen Verbrechen in Europa. In eben diesem Kontext steht wie auch Lanzmanns Film „Warum Israel.“, der die Staatsgründung des jüdischen Staates und dessen Notwendigkeit – nicht zuletzt auf Grund der industriell organisierten Ermordung sechs Millionen Jüdinnen und Juden – thematisiert. Der Film reiht sich dabei in die anderen Werke Lanzmanns („Shoah“, „Sobibor, 14. Oktober 1943, 16 Uhr“ u.a.) ein.
Eine Aufführung von „Warum Israel.“ der Gruppe Kritikmaximierung im B-Movie in St. Pauli am 25. Oktober wurde gewaltsam verhindert. Kritikmaximierung dokumentiert:
Etwa 70 Menschen folgten unserer Einladung und durften statt »Warum Israel« einer gruseligen Agit-Prop-Bastel-Darbietung der antiimperialistischen Nachbarschaft beiwohnen. Das im Vorderhaus des b-movie befindliche internationalistische Zentrum B5, die »Sozialistischen Linken (SoL)« und die »Tierrechts-Aktion Nord (TAN)« ließen es sich nicht nehmen, dem Kino ihre Programmpolitik zu diktieren und mit Drohung und Gewalt den vorgesehenen Verlauf des Nachmittags zu verhindern. Dieser bewaffnete Haufen setzte kurzerhand den Film des Antifaschisten Claude Lanzmann ab.
Die Position der Schläger als eine „Israel-kritische“ oder „antizionistische“ zu beschreiben würde die Motive und den paranoiden Hass der Akteure aus dem B5-Spektrum verharmlosen. Die Parolen, die bei der gewalttätigen Blockade des antifaschistischen Films fielen, sprechen Bände:
Die KleindarstellerInnen der B5 machten sich umgehend kampfbereit und brachten in der folgenden, körperlichen Auseinandersetzungen Prügelhandschuhe, ein Fahrradschloß, einen Gürtel und einen Mundschutz zum Einsatz. Die antiimperialistischen Gewaltfanatiker riefen dabei u.a. »Judenschweine«, »Nazis raus« und »Schwuchteln«. Dabei wurden einige unserer BesucherInnen durch Schläge ins Gesicht verletzt. Der rasende Hass auf Israel lässt bei den selbsterklärten Linken aus einem Vorderhaus in der Hamburger Brigittenstraße offensichtlich alle Sicherungen durchbrennen.
Mit dieser Aktion haben TAN und SoL jedes Maß an „Israel-Kritik“, sei sie gerechtfertigt oder nicht überschritten. Ihre Aktion kann als nichts anderes gewertet werden als eine Delegitimation, Dämonisierung des Staates Israel. Die Aktion hat nichts mit Protest gegen einen vermeintlichen Imperialismus oder gegen bestimmte Handlungen der Israelischen Regierung zu tun. Zweck der Blockade war es, symbolisch das Existenzrecht Israels zu verneinen, in dem die Aufführung eines Films verhindert wurde, der aufzeigt, warum Israel durch Shoa und Antisemitismus. Statt sich mit der Geschichte auseinanderzusetzen, wird diese verdreht. Als hätte es Auschwitz nie gegeben. Besonders perfide ist dabei die Gleichsetzung von „Nazis“ und „Judenschweinen“, die wenn an dieser Stelle nicht auf die Israelis selbst, doch auf deren politische Verteidiger_innen projiziert wird.
Die an den gewalttätigen Ausschreitungen beteiligte TAN ist durch personelle Verflechtungen mit der Partei Die Linke in Hamburg verbandelt. So wundert es wenig, dass die AG „Kritische Linke“ des Hamburger Landesverbandes der Partei die Stellungnahme der B5-Schläger_innen veröffentlichte. Erfreulich ist jedoch, dass der Hamburger Landesverband der Partei Die Linke unmissverständlich deutlich machte, dass solche Aktionen und Positionen nicht vertretbar sind und innerhalb der Linken nichts zu suchen haben. Christiane Schneider erklärte:
Bei der Kritik der Sprengung der Filmaufführung geht es mir nicht nur um die inakzeptablen Mittel, mit dem die Akteure ihren politischen Zweck verfolgten, sondern vor allem um den politischen Zweck selbst.
Die Gegner der Aufführung begründeten die Sprengung der Veranstaltung in einem Flugblatt mit ihrer Kritik am Film, der die Existenz der Palästinenser verschweige, und mit einer generellen – antiimperialistisch begründeten – Israelkritik. Aber das heißt nicht, dass es bei der Sprengung etwa um eine (militant unterstrichene) Kritik an Film und israelischer Staatspolitik ging. Es geht in dem Film, dessen Aufführung verhindert wurde, nämlich nicht um die Begründung der Politik Israels, sondern der Existenz Israels: Der Film geht der Frage nach, „was es bedeutet, in einem jüdischen Staat zu leben, der vor allem ein sicherer Hafen für Verfolgte und Überlebende der Shoah war und noch heute eine Zufluchtsstätte vor dem weltweit grassierenden Antisemitismus ist“ (aus der Ankündigung der Veranstalter).
DAS darf gezeigt werden, nicht hier, nicht jetzt – das ist die Botschaft der Sprengung. Ihr politischer Zweck war es, mit dieser Provokation das Existenzrecht Israels als Zufluchtsort jüdischen Lebens demonstrativ zu bestreiten. Zugleich wurde damit das Recht bestritten, dass sich die Erfahrung jüdischer Menschen, eben diesen Zufluchtsort zu benötigen, in der [deutschen!] Öffentlichkeit artikulieren.
Das verbietet jeden Versuch, die Sprengung zu rechtfertigen oder herunterzuspielen.
Leider hat die AG „Kritische Linke“ des Hamburger Landesverbandes der LINKEN das Rechtfertigungspamphlet der Blockierer, erst einmal unbemerkt, für einige Tage mit einem rechtfertigenden Vorspann auf die Homepage gestellt. Darauf aufmerksam gemacht, war im Landesvorstand umstritten, wie man damit umgeht. Die Seite wurde dann doch schnell gelöscht, weil die AG durch Austritt ihre Existenz verlor. Aber die Klärung, dass Positionen, die das Existenzrecht Israels in Frage stellen, in der LINKEN keinen Platz haben, steht aus. Ich halte sie für unabdingbar.“
Auch von Wolfgang Seibert von der Jüdischen Gemeinde Pinneberg gibt es eine sehr treffende Kritik an der Aktion des antisemitischen Mobs aus der B5:
Wir bestreiten nicht das Recht auf einen friedlichen Protest, aber wir sind entsetzt über das Vorgehen einiger wild gewordener Kleinbürger, die sich sicherlich als links bezeichnen, in ihrem Vorgehen aber durchaus als Mitläufer und Handlanger der Neonazis bezeichnet werden können.
Der LAK Shalom Hamburg solidarisiert sich mit der Gruppe Kritikmaximierung, für die es am 13.11. in der Roten Flora auch eine Soliparty geben wird. Sicher wird es in naher Zukunft auch eine Gelegenheit für eine weiteren Versuch der Filmaufführung geben. Bis dahin sei die DVD empfohlen.